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10 Jahre Lehman-Pleite - US-Ökonom: Hauptverbrecher waren die Banker

10 Jahre Lehman-Pleite - US-Ökonom: Hauptverbrecher waren die Banker

Dieser Suche widmete sich auch der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Josef Stiglitz.

Stiglitz verglich im Juli 2009 in einem Beitrag der "Critical Review" mit dem Titel: "The Anatomy of a Murder: Who killed America's Economy?" die Krise mit einem Verbrechen, an dem mehrere Personen und Institutionen beteiligt waren. Zu den Mitschuldigen zählen demnach auch der frühere US-Finanzminister und Top-Bankenberater Robert Rubin genauso wie der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan oder Ex-US-Präsident George W. Bush mit seinem Irak-Krieg sowie unter den Institutionen die US-Notenbank Fed und die US-Börsenaufsicht SEC. Die Hauptschuldigen sind für Stiglitz aber die Banken und Kreditinstitute selbst.

Sowohl Rubin als auch Greenspan sind für Stiglitz mitverantwortlich dafür, dass die Deregulierungs-Ideologie in den USA vorangetrieben wurde. Greenspan habe zudem dabei versagt, seine regulative Autorität einzusetzen und habe die Eigenheimbesitzer zu hochriskanten Hypothekenaufnahmen ermutigt. Greenspan habe auch die vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush veranlassten Steuererleichterungen für Reiche unterstützt.

Die Hauptschuldigen an der Krise sind für den Wirtschaftsprofessor aber die Banken bzw. der Finanzsektor im allgemeinen und ihre Investoren. Von den Banken hätte man angenommen, sie seien Experten im Risikomanagement. Sie hätten aber nicht nur das Risiko falsch eingeschätzt, sondern es erst selbst erzeugt. Die Mittel, die die Banken dazu einsetzten, waren exzessive Fremdkapitalaufnahmen, Anreizstrukturen, die kurzfristiges Risikodenken förderten, oder auch Aktienoptionsprogramme für Spitzenmanager, die zu beschönigten Bilanzen und zur Auslagerung von schlechten Assets in außerbilanzielle Zweckgesellschaften führten. "Die Banker und ihre Investoren haben anscheinend die Risiken nicht verstanden, die durch Verbriefungen und asymmetrische Informationen entstanden sind", so Stiglitz.

Wenn die Banken die "Hauptverbrecher" waren, so hatten sie viele Komplizen. So spielten auch die Ratingagenturen eine zentrale Rolle. Sie glaubten an Finanz-"Alchemie" und verwandelten schlecht geratete zweitklassige Hypotheken in erstklassige "A"-geratete Papiere, die sicher genug waren, um auch von Pensionsfonds gehalten zu werden. Das war wichtig, denn dies erlaubte einen anhaltenden Geldfluss in den US-Häusermarkt.

Auch die Hypothekenvermittler spielten eine zentrale Rolle. Sie waren weniger am Aufbringen von "guten" als von "vielen" Hypotheken interessiert und erfanden immer neue, vermeintlich günstige Finanzprodukte, mit denen leichtgläubige Schuldner gewonnen werden konnten. Da sie die Risiken eines Ausfalls nicht tragen mussten, negierten sie ihre Sorgfaltspflichten.

Mitschuldig seien auch die US-Börsenaufsicht SEC, die US-Notenbank Fed, die Bush-Regierung, deren Irak-Krieg niedrige Zinsen notwendig machte. Die Fed versagte mehrfach - in ihrer Rolle als Regulator und auch durch ihren fehlerhafte Umgang mit den Leitzinsen und der verfügbaren Kreditmenge.

Die Regulierungs- und Aufsichtsbehörden hätten die den neuen strukturierten Produkten inhärenten Risiken erkennen müssen und sich weniger auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte verlassen dürfen. Auch die Kartellbehörden hätten versagt und zugelassen, dass Banken so groß werden konnten, dass sie "too big too fail" wurden, also vom Staat nicht mehr fallengelassen werden konnten.

Zu den Komplizen zählt Stiglitz auch die Wirtschaftswissenschaftler. Sie hätten mit ihren auf unrealistischen Annahmen basierenden ökonomischen Modellen jene Argumentation geliefert, die eine Regulierung der Märkte unnotwendig machte - mit ihren Annahmen über perfekte Information, perfekten Wettbewerb und perfekten Märkten. Dies habe auch dazu geführt, dass die Notenbanken sich beispielsweise fast ausschließlich der Inflationsbekämpfung widmeten und der Finanzarchitektur zu wenig Beachtung schenkten.

"Letztendlich ist das eine Krise unseres wirtschaftlichen und politischen Systems", schlussfolgert Stiglitz am Ende seines Aufsatzes. Alle Beteiligten hätten im Wesentlichen das getan, was von ihnen erwartet wurde. Stiglitz warnt davor, das System wieder so zu gestalten, wie es vor 2008 war. Sollte sich nämlich zu wenig ändern, werde sicher eine neue Krise folgen. "Jede Volkswirtschaft braucht Regeln und Aufsicht", betont Stiglitz.

(Schluss) ggr/rf

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Bildquelle: Mario Tama/Getty Images,Kirsty Wigglesworth/AP

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