14.09.2018 14:51:00

10 Jahre Lehman-Pleite - Wieser warnt vor Folgen neuer US-Alleingänge

Zehn Jahre nach Lehman blickt der ehemalige Generaldirektor der Eurogruppe Thomas Wieser, wieder mit Besorgnis über den Atlantik: "In den USA wird wieder mehr an regulatorische und wirtschaftspolitische Alleingänge geglaubt. Das wird unweigerlich zum Schaden aller führen", warnte Wieser bei einer Gesprächsrunde anlässlich des zehnten Jahrestages der Lehman-Pleite am Freitag in Wien.

Zwar habe man jetzt ein Aufsichts- und Stabilitätssystem, das mit dem früheren nicht zu vergleichen sei, nichtsdestotrotz sei man wieder in einem ähnlichen Aufschwung, wie vor der Finanzkrise. "Man muss jetzt schauen, dass die Kreditstandards bleiben und nicht wieder die Fehler gemacht werden, die damals zu diesen Problemen geführt haben", betonte OeNB-Vize-Gouverneur Andreas Ittner.

"Wir haben jahrelang für etwas gebraucht, was die USA in einer Woche schafften. Die Krise hat deshalb in Europa auch viel länger gewirkt", so Wieser rückblickend. "Wir haben auf dem Rücken der Real- und Finanzwirtschaft und der Bevölkerung dahingewirtschaftet, bis wir uns auf etwas einigten". Die Weltwirtschaft sei mittlerweile so verflochten, dass alle voneinander abhängig seien. In der Eurozone sollten die Ungleichgewichte nicht wieder überhandnehmen. "Darauf ist zu achten, damit bei uns die Stabilität gewahrt bleibt."

"Österreich ist relativ gut durch die Krise gekommen, obwohl wir oft im Nebel agiert haben", sagte FMA-Vorstand Helmut Ettl. Man habe aus den Erfahrungen der "kleinen österreichischen Vorkrise", nämlich dem Zusammenbruch der ehemaligen Gewerkschaftsbank BAWAG im Jahr 2006, profitiert. Es sei auch nicht - wie vom Währungsfonds (IWF) vorausgesagt - zum tiefen Einbruch wegen der engen Verbindungen zu Osteuropa gekommen. Es habe nur ein Jahr mit negativem Wirtschaftswachstum gegeben.

Das Grundproblem der weltweiten Krise habe sich schon 20 bis 30 Jahre lang aufgebaut. In diesem Zeitraum habe sich die Verschuldung der Weltwirtschaft vervielfacht. Das Kreditwachstum sei schneller gewesen, als das Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig hätten sich die Derivativmärkte verselbstständigt und immer mehr beschleunigt, bis das System zusammengebrochen sei, so Ettl.

Dass Europa so stark erfasst wurde, sei überraschend gewesen. Europa sei Gläubigerland gewesen und habe viele Schulden in den USA finanziert. Auch seien viele Subprime-Positionen der USA in Europa versichert worden.

Österreichs Regierung sei rasch bereit gewesen, Maßnahmen zu setzen, sagte FMA-Vorstand Ettl. So sei das 100 Mrd. Euro Programm zur Stabilisierung der Banken in wenigen Wochen beschlossen und verabschiedet worden. Nur ein Bruchteil davon - bisher 5,7 Mrd. Euro - sind davon an Kosten für den Steuerzahler angefallen. Sehr positiv sei auch gewesen, dass es innerhalb der EU und zwischen Europa und den USA zu einem klaren gemeinsamen Vorgehen gekommen sei.

OeNB-Vize-Gouverneur Andreas Ittner wies darauf hin, dass eine der Ursachen für das Überschwappen der Krise nach Europa die Entscheidung der EU-Wettbewerbskommission war, die Landesgarantien für Wertpapiere auslaufen zu lassen, worauf sich vor allem deutsche und auch österreichische Landesbanken noch schnell mit riesigen Liquiditätspolstern versorgten und dringenden Veranlagungsbedarf hatten. "Das hat es erleichtert, sich am Spiel der Amerikaner zu beteiligen", so Ittner.

Auch Ittner erinnerte sich an den Fehler des IWF, der für Osteuropa im Winter 2008/09 einen Zusammenbruch vorausgesagt hatte. Dadurch lagen die Zinsen für Österreich kurzfristig sogar über jenen von Griechenland. "Wir konnten den IWF überzeugen, dass dieser 'meltdown' nicht stattfinden wird und kein Drohszenario für die österreichischen Banken ist", erinnert sich Ittner. Den Banken habe man danach klargemacht, dass man ein Nachhaltigkeitspaket brauche, die Fremdwährungskredite ein Problem seien und höhere Eigenkapitalressourcen vor Ort in Osteuropa nötig seien. Das sei dann 2012 in Kraft getreten.

Damals habe man aufgrund der bemerkbaren Vertrauenskrise sofort die Finanzierungslinien zwischen den Banken gestrichen, "weil wir nicht wussten, was die anderen von diesen toxischen Papieren auf den Büchern haben", so der jetzige FMA-Vorstand Klaus Kumpfmüller, der damals in einer oberösterreichischen Regionalbank gearbeitet hat. Auch die Geschäftsbeziehungen zu den Firmenkunden seien sofort in Frage gestellt worden, da man schnell Einschläge in die Realwirtschaft gesehen habe. Die Vertrauenskrise habe sich auch auf die Privatkunden ausgewirkt und Gelder seien abgeflossen. Durch die unbeschränkte Einlagensicherung der Regierung sei dieses großteils wieder hergestellt worden.

Die Ursachen der Krise lagen laut Kumpfmüller im ungesunden Wachstum im Finanzsektor, in Österreich etwa habe sich die Bilanzsumme der Banken von 2000 bis 2008 von 500 Mrd. auf 1.000 Mrd. Euro verdoppelt. Zudem gab es wenig Transparenz über Risikopositionen und viel zu wenig Eigenkapital in den Banken.

"Es sind schon die richtigen Lehren gezogen worden", so Kumpfmüller. So hätten etwa die Banken ihre Kapitalquoten von 7 auf 15 Prozent erhöht und es gebe viel mehr Transparenz, Derivate etwa seien besser reguliert. Auch gebe es internationale Zusammenarbeit zwischen Regulatoren und Aufsichtsbehörden.

"Das Bankensystem ist wesentlich stabiler geworden, 2008 wäre heute von den österreichischen Banken verkraftbar", sagte Kumpfmüller. Zum Beispiel wäre 2008 durch den Werteverfall fast das ganze Kapital ausgelöscht worden, heute würde die Eigenkapitalquote aufgrund der eingerichteten Puffer auf etwa 7,5 bis 8 Prozent fallen.

Für Gertrude Tumpel-Gugerell, von 2003 bis 2011 Mitglied des EZB-Direktoriums, begannen die Probleme bereits 1998, als es nicht gelungen war, mit neuen Eigenkapitalvorschriften (Basel II) einen neuen Akkord zu erreichen. Die Idee sei richtig gewesen, die Banken hätten aber Wege gefunden, ihr Eigenkapital weiter zu reduzieren. Auch sei die Ansicht, dass Banken selbst am besten ihr Risiko einschätzen könnten, nicht richtig gewesen.

Bereits die Russland-Krise 1998 hätte ein kleines Lehman auslösen können, wenn dafür keine Lösung gefunden worden wäre. "Damit war das Thema vom Tisch. Das hatte keine Konsequenzen für die Regulierung". Ab 2006 habe es dann Gerüchte gegeben, dass es im System krache, weil die Immobilienpreise runtergingen. Zuvor sei in den USA noch dereguliert worden. Zudem hätten sich die privatisierten großen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fanny Mae - die ebenfalls fast Pleite gingen - mit Unterstützung von Kongressabgeordneten der Aufsicht verweigert. Diese Institute waren aber selbst eine Art Gelddruckmaschine.

Unmittelbar nach der Lehman-Pleite sei es wichtig gewesen, Transparenz herzustellen. "Wir hatten noch keine Bankenunion, jedes Land hatte seine eigene Aufsicht, wir mussten die Informationen erst zusammentragen", so die ehemalige EZB-Direktorin. Weiters sei das europäische Bankensystem sehr stark am US-Dollar-Markt gehangen. Alleine mit europäischen Maßnahmen wäre es nicht möglich gewesen, die Situation zu stabilisieren.

Ihre Lehren aus der Krise: Wichtig sind Transparenz und Kooperation und Kriseninterventionsinstrumente, die sofort einsetzbar sind. Und: "Man braucht erfahrene Leute, um das durchzustehen".

Wieser, der von 2012 bis 2018 Generaldirektor der Eurogruppe war, verglich Krisen mit Lawinen, von denen man weiß, dass sie kommen werden, aber nicht wann. Für Wieser hat sich die Krise schon Ende der 1990er-Jahre abgezeichnet. Besonders in den USA werde es verschwiegen, wie sehr die Geldpolitik der USA ein globaler Faktor war, um in diese Situation hineinzutreiben. "Das hat mit Deregulierungen und der expansiven Geldpolitik der Fed zu tun", sagte Wieser. Das habe zu Ungleichgewichten zwischen Finanz- und Realwirtschaft geführt.

Wieser erinnerte auch daran, wie groß der Widerstand seitens der europäischen Länder gegen eine gemeinsame Finanzmarktaufsicht war. Bis auf Allgemeinplätze sei beim Treffen europäischer Staats- und Regierungschefs im Oktober 2008 nichts herausgekommen.

Die Amerikaner hätten sehr schnell und mit "sehr zentralistische Entschlossenheit" entschieden und Banken teilverstaatlicht, während man in Europa gesehen habe, was es bedeute, wenn man damals 15 Bankenaufsichten, eine Währung, eine Zentralbank und viele verschiedenen Regierungen habe. "Die Amerikaner haben die Banken mit Geldgarantien zugeschüttet: mehr ist besser, ist sicherer. In Europa ist dagegen häufig der Minimalansatz gewählt worden, damit man ja nicht mit der Wettbewerbspolitik der EU-Kommission in Konflikt kommt". Es sei ein unkoordiniertes "bissl Banken retten" gewesen.

Das habe sich erst 2012 unter dem Eindruck der Eurokrise geändert und es sei möglich gewesen, eine gemeinsame Bankenaufsicht zu gründen und damit ein Gleichziehen mit den USA.

(Schluss) ggr/cri

WEB http://www.oenb.at/ http://www.fma.gv.at

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