28.06.2018 13:05:00

WIIW: Konjunkturaussichten für Westbalkan-Länder deutlich verbessert

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) blickt für die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas (MOSOEL) nun optimistischer in die Zukunft als zuletzt. Die Wachstumsprognose für heuer wurde für neun Länder der Region nach oben revidiert, fünf Länder entwickeln sich schwächer als erwartet. Vor allem die Aussichten für die Westbalkanländer haben sich deutlich verbessert.

Der Titel der aktuellen WIIW-Prognose lautet "Konjunkturzenit überschritten" - das klinge "ein wenig alarmistisch", räumte Russland-Experte Vasily Astrov ein, von einer Krise könne aber keine Rede sein: "Das Wachstum bleibt im Großen und Ganzen robust und in machen Teilen der Region gibt es sogar einen Aufschwung, vor allem am Westbalkan und auch in machen GUS-Ländern."

Aber in vielen Teilen der Region zeichne sich auch eine Wachstumsverlangsamung ab, insbesondere in der Türkei und Rumänien, wo es heuer einen Wachstumseinbruch um 3 Prozentpunkte geben dürfte. Die Wirtschaft der Türkei ist im vergangenen Jahr um 7,4 Prozent gewachsen, heuer sollen es nur 4,5 Prozent sein. Rumäniens Wirtschaft legte im Vorjahr um 6,9 Prozent zu, in diesem Jahr wird eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 4,2 Prozent erwartet. "Diese Wachstumsverlangsamung mag zwar ziemlich groß erscheinen, aber das ist eine willkommene Entwicklung, denn damit ist die Überhitzung in diesen Ländern weitgehend vorbei."

Zum Wachstumseinbruch in der Türkei und Rumänien werde vor allem der Rückgang des privaten Konsums führen, erklärte Astrov. Die Zentralbanken hätten nämlich auf die Währungsabwertungen mit Zinserhöhungen reagiert, wodurch Kredite teurer wurden und der private Konsum eingedämmt wurde. Im Falle Rumäniens sei es außerdem durch eine schlecht implementierte Steuerreform zu einer Verunsicherung der Konsumenten gekommen.

Wachstumsdämpfend wirken sich in den MOSOEL neben der Konjunkturabkühlung im Euroraum auch die steigenden Überweisungen ausländischer Arbeitskräfte ins Ausland aus, sagen die WIIW-Ökonomen. Vor allem die fortgeschrittensten mitteleuropäischen Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn seien zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. "Es werden immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland importiert, vor allem aus der Ukraine." Der Konsum werde daher aus diesen Ländern ein wenig in die Ukraine verlagert. Darüber hinaus gebe es eine Verlagerung der Ausgaben der Haushalte vom Konsum zu Immobilienkäufen, und auch protektionistische Tendenzen, vor allem in den USA, könnten eine negative Rolle spielen, sagte Astrov am Donnerstag bei der Präsentation der WIIW-Prognose.

Die Investitionsdynamik in den MOSOEL bleibe generell stark, aber zweistellige Wachstumsraten, wie sie mehrere EU-Länder in der Region noch im Vorjahr verzeichnet hätten, seien nicht mehr zu erwarten. Dies sei in erster Linie durch die Dynamik der EU-Transfers bedingt: 2017 war das letzte Jahr, in dem auf die EU-Mittel aus dem bisherigen mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU für 2007-2013 zurückgegriffen werden konnte; heuer ist dies nicht mehr möglich. Die Westbalkanländern würden immer öfter als Alternative zu den stetig teurer werdenden mitteleuropäischen Ländern gesehen und daher mehr ausländische Direktinvestitionen anziehen. Auch die Infrastrukturinvestitionen würden langsam an Schwung gewinnen.

Die langfristigen Aussichten der MOSOEL seien im Fall der meisten mitteleuropäischen Länder durch die geplante Kürzung von EU-Transfers ab 2021 etwas getrübt, sagte WIIW-Ökonom Sandor Richter. Sie seien gewissermaßen auch "Opfer ihres Wirtschaftswachstums", da sie im Verhältnis zum EU-Durchschnitt nicht mehr so unterentwickelt seien und im Gegensatz zu den südeuropäischen EU-Ländern sogar einen Arbeitskräftemangel hätten. "Alles deutet darauf hin, dass die mitteleuropäischen EU-Länder wesentlich weniger Geld bekommen werden. Ob das 15 Prozent, 20 Prozent, 25 Prozent oder 30 Prozent weniger ist, das ist vollkommen offen."

Mit einem Beitritt zum Euroraum sei, mit Ausnahme Kroatiens und Bulgariens, in absehbarer Zukunft nicht zu rechnen, sagte Astrov. Kroatien sei das einzige Land, das alle Kriterien für die Euro-Einführung erfülle und auch die Absicht habe, der Eurozone beizutreten. "Die kroatische Regierung rechnet damit, dass der Euro innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre eingeführt werden kann." In Tschechien, Polen und Ungarn fehle der politische Wille zur Euro-Einführung.

In Russland sind die Aussichten vor allem durch die zu erwartenden relativ niedrigen Ölpreise sowie den geopolitischen Konflikt mit dem Westen geprägt. "Russland verzeichnet mit Abstand die schlechtesten Wachstumsraten in der ganzen Region", so Astrov. Die Wachstumsrate werde in Russland gegenüber dem Vorjahr unverändert bei 1,5 Prozent bleiben und sich auch in den kommenden Jahren nur geringfügig beschleunigen.

Die gegenseitigen Handelsverflechtungen zwischen vielen MOSOEL und Österreich bleiben eng. Die Visegrad-Staaten (Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn) waren die einzige Destination für österreichische Exporte, die seit der Wirtschaftskrise von 2008 einen Anteilsgewinn (um insgesamt 0,75 Prozentpunkte) verzeichneten, berichtete WIIW-Ökonomin Julia Grübler. Die Westbalkan-Länder und die baltischen Staaten sowie die EU insgesamt hätten hingegen etwas an Bedeutung eingebüßt. Umgekehrt spielte Österreich eine große Rolle als Handelspartner vor allem in den mitteleuropäischen EU-Ländern, wo Österreich nach wie vor auch der drittgrößte Investor sei. Der Anteil notleidender Kredite österreichischer Banken in der Region habe sich für die Länder mit den größten Forderungen reduziert.

(GRAFIK 0693-18, 88 x 148 mm) (Schluss) ivn/kan

ISIN WEB http://www.wiiw.ac.at/

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