Großfusion? 11.09.2019 17:50:00

LSE-Aktie schießt hoch: Börse Hongkong will London Stock Exchange übernehmen

LSE-Aktie schießt hoch: Börse Hongkong will London Stock Exchange übernehmen

Die Börse Hongkong trat am Mittwoch überraschend mit einem Übernahmeansinnen an ihr Pendant in London heran. Die Offerte würde die London Stock Exchange mit 29,6 Milliarden britischen Pfund ohne Schulden (etwa 33 Mrd Euro) bewerten, teilte der Hongkonger Börsenbetreiber HKEX am Mittwoch mit. Damit nimmt das Fusionskarussell der großen Börsenplätze wieder an Fahrt auf.

Eine Fusion würde nicht nur einen weltweit führenden Finanzmarktkonzern entstehen lassen, sondern auch beide Geschäfte stärken, erklärte HKEX. Die Transaktion verspreche zudem hohe Synergien. So strebt HKEX eine Integration seiner Handelsplattformen in das Londoner System an. Eine Transaktion wäre dabei im Interesse aller Anteilseigner.

HKEX bekannte sich dabei langfristig zu beiden Börsenplätzen Hongkong und London und plant eine Zweitnotierung ihrer Aktien in der Stadt an der Themse. Die London Stock Exchange (LSE) erklärte in einer Stellungnahme, die Pläne prüfen zu wollen. Den Schritt der Börse Hongkong nannte der Börsenbetreiber "unverlangt und vorläufig".

Die Transaktion sieht dabei eine kombinierte Zahlung in bar sowie neu zu emittierende HKEX-Aktien vor. Insgesamt entspreche dies einer Prämie von knapp 23 Prozent auf den letzten Börsenkurs von LSE, so die Börse Hongkong. Dabei strebt HKEX eine Fusionsvereinbarung mit der LSE an - behält sich aber auch ein Übernahmeangebot vor. Details wolle man mit dem Management der LSE besprechen.

Der Hongkonger Börsenbetreiber prüft dabei eigenen Angaben zufolge bereits seit Monaten eine solche Transaktion. Eine Übernahme kommt zu einer Zeit, wo die Londoner Börse selbst vor einem Megazukauf steht: Die LSE will den Datenanbieter Refinitiv mit einem Unternehmenswert von 27 Milliarden US-Dollar übernehmen. Die Honkonger Börse erklärte dazu, ihr Angebot sei von einer Absage der Refinitiv-Übernahme abhängig. Die LSE teilte mit, an ihren Refinitiv-Plänen festzuhalten und dabei gut voranzukommen.

HKEX hatte 2012 bereits die Londoner Metall Börse für 1,4 Milliarden Pfund übernommen. Auch die LSE war bereits ins Fusionsvorhaben verstrickt: Eine Fusion mit der Deutschen Börse scheiterte vor einigen Jahren.

Ronald Wan, Chef des Investmentberater Partners Capital International in Hongkong, sieht in dem Deal hohe Hürden - insbesondere politischer Natur. Hongkong sei eine Sonderverwaltungszone Chinas. Eine Übernahme der LSE durch HKEX könnte auch als Übernahme durch China gesehen werden. Eine Transaktion sei politisch "super sensibel".

Die britische Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom sagte auf Bloomberg TV, die Regierung werde jedweden Zusammenschluss zwischen den Börsen genau untersuchen. Vor allem würde man sehr genau auf alles schauen, was sicherheitsrelevante Auswirkungen auf Großbritannien haben könnte.

LSE-Aktien schnellen in die Höhe

Die Aktionäre der London Stock Exchange (LSE) haben am Mittwoch nur kurz euphorisch auf ein Übernahmeangebot aus Hongkong regiert. Der Kurs der LSE-Aktie war am Vormittag in einer ersten Reaktion um gut 16 Prozent gestiegen und damit auf ein Rekordhoch von 7922 Pence, bevor er wieder deutlich nachgab. Zuletzt stand ein Plus von 4,17 Prozent auf 7086 Pence zu Buche. Das reichte aber immer noch für einen der vorderen Plätze im britischen Leitindex FTSE 100.

Die Hong Kong Exchanges and Clearing Limited als Dachgesellschaft der Hongkonger Aktienbörse bietet je LSE-Aktie 2045 Pence und 2,495 neue eigene Aktien. Insgesamt entspricht dies einer Prämie von knapp 23 Prozent auf den letzten Börsenkurs von LSE.

Auch die Anteilsscheine der Branchenkollegen hatten zwischenzeitlich recht positiv auf die Ankündigung reagiert. Für die Aktien von Euronext etwa war es zeitweise um gut 2 Prozent nach oben gegangen, bevor der Schwung wieder deutlich nachließ.

In Frankfurt waren die Aktien der Deutschen Börse ähnlich kräftig nach oben gesprungen, bevor sie wieder zurückkamen und nur noch moderat im Plus lagen. Die Deutschen hatten einst ebenfalls vorgehabt, die LSE zu übernehmen, waren 2017 aber mit diesem Plan gescheitert.

Überhaupt scheint die Deutsche Börse mit ihren Zukaufplänen kein glückliches Händchen zu haben. So musste der Börsenbetreiber erst vor wenigen Wochen bei der Devisenhandelsplattform FXAll des Finanzdatenanbieters Refinitiv zurückstecken. Refinitiv schnappte sich ausgerechnet der Rivale LSE.

Hier tut sich schon ein Konfliktfeld für eine mögliche Übernahme auf: Die Honkonger Börse erklärte, ihr Angebot sei von der Absage der Refinitiv-Übernahme abhängig. Die LSE wiederum teilte mit, an ihren Refinitiv-Plänen festzuhalten und dabei gut voranzukommen.

Experten wie Analyst Chris Turner von der Privatbank Berenberg äußerten sich derweil skeptisch und sahen politische Risiken als die höchste Hürde für den Deal. Ronald Wan, Chef des Investmentberater Partners Capital International in Hongkong, sagte, eine Übernahme der LSE durch HKEX könnte auch als Übernahme durch China gesehen werden. Schließlich ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone Chinas und soll 2047 ganz an China übergehen. Eine Transaktion sei politisch "super sensibel".

Seit dem 9. Juni kommt es in der Finanzmetropole immer wieder zu Protesten, die oft mit Zusammenstößen zwischen einem kleinen Teil der Demonstranten und der Polizei endeten. Die Protestbewegung befürchtet steigenden Einfluss der chinesischen Regierung auf Hongkong. Auch fordern die Demonstranten eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt bei den Protesten. Aus den Reihen der Protestbewegung gab es ebenfalls Gewalt.

UBS belässt London Stock Exchange auf 'Neutral'

Die Schweizer Großbank UBS hat die Einstufung für London Stock Exchange (LSE) angesichts einer Übernahmeofferte für den britischen Börsenbetreiber auf "Neutral" mit einem Kursziel von 5550 Pence belassen. Die Börse in Hongkong will die LSE übernehmen, aber nur, wenn die LSE wiederum ihren geplanten Zukauf des Datenanbieters Refinitiv wieder absagt. Es würde ihn verwundern, wenn die Londoner der Börse in Hongkong den Vorzug gäben und sich von Refinitiv distanzierten, schrieb Analyst Michael Werner in einer am Mittwoch vorliegenden Studie. Auch die jüngsten Tumulte in der ehemaligen britischen Kronkolonie mit Auswirkungen auf die Geschäftsaktivitäten signalisierten die Gefahren für einen Zusammenschluss der beiden Börsenbetreiber. Es seien bislang nur wenige Details bekannt, so der Experte weiter. Er betonte, dass es nur wenige gelungene Beispiele gebe für eine Fusion von Börsenbetreibers aus verschiedenen Kontinenten gebe. Oft kämen nationale Interessen in die Quere.

/nas/knd/jha/stw

HONGKONG/LONDON/FRANKFURT/ZÜRICH (dpa-AFX)

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Bildquelle: Victor Moussa / Shutterstock.com

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