11.07.2019 22:43:42

Mittelbayerische Zeitung: Trump überschreitet eine Grenze / Washington bereitet Massendeportationen von Einwanderern vor, die oft seit Jahrzehnten im Land leben. Dieses Vorgehen bedeutet eine Zäsur. V

Regensburg (ots) - Die Angst geht um in den Latino-Nachbarschaften der großen amerikanischen Städte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dort die Nachricht, dass die Einwanderungspolizei ICE am kommenden Sonntag beginnen wird, gegen die ersten der insgesamt elf Millionen "Undokumentierten" vorzugehen. Trumps Ober-Einwanderungsbeauftragter Ken Cuccinelli bestätigte jetzt, in einer ersten Welle sollten bis zu eine Million Menschen deportiert werden. Ob die US-Behörden überhaupt das Personal haben, eine Operation in dieser Größenordnung durchzuführen, wird von Experten zwar bezweifelt. Gewiss aber übt das Vorgehen der Regierung psychologischen Terror unter den Betroffenen aus, die gut integriert sind und oft seit vielen Jahren in den USA leben. Einwanderer ohne Papiere arbeiten in den Gärten, Haushalten und Küchen, erledigen die anstrengenden Jobs in den Schlachthäusern, Plantagen und Feldern oder pflegen die Alten und Kranken. Ohne deren Arbeit geht in vielen Dienstleistungsbereichen nichts mehr, weil sich niemand für diese Jobs findet. Schon gar nicht unter Trumps Anhängern, die nicht im Traum daran denken, diese Arbeiten zu machen. Nirgendwo ist das Anspruchsdenken stärker verbreitet, als unter Amerikas Rechtspopulisten. Mit den geplanten Massendeportationen überschreitet Trump nun eine Schwelle, vor der jeder andere Politiker bisher zurückschreckte. Um zu begreifen, wie perfide dieses Vorgehen ist, muss man verstehen, wie das bestehende Einwanderungs-System funktioniert. Die Steuerbehörde IRS verlangt von Arbeitern ohne Papiere, Abgaben wie von jedem Bürger. Die staatlichen Altersversicherungen "Social Security" und "Medicare" kassieren jedes Jahr sechzehn Milliarden US-Dollar von den Undokumentierten ab, die niemals auch nur einen Cent davon sehen werden. Ganz zu schweigen von den US-Streitkräften, in deren Reihen über die Jahre mehrere zehntausend Einwanderer ohne Papiere dienten. Hinzu kommt die Realität, dass die Kinder der Migranten automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangen, wenn sie in den USA zur Welt gekommen sind. Die Deportation ihrer Eltern machte sie plötzlich zu Waisen. Aus all diesen Gründen galt es bisher in Washington als tabu, gegen nicht-straffällig gewordene Einwanderer vorzugehen. Doch Trump meint, was er im Wahlkampf sagte. Er ist persönlich verantwortlich für den unmenschlichen Umgang mit bereits im Land lebenden Migranten und den Flüchtlingen aus Zentralamerika an der Südgrenze. Dazu gehört die staatlich angeordnete Trennung von Familien, die unterkühlten Käfige, in denen Menschen wie Vieh gehalten werden, die Internierung von Kindern und Jugendlichen in von Stacheldraht gesicherten Zelt-Lagern oder die Schikanen, die Flüchtlinge bei Ankunft erwarten. Es ist kein Zufall, dass Trump ausgerechnet in dem Jahr an die Macht gelangte, als in den USA erstmals mehr farbige als weiße Babys zur Welt kamen. Vor allem die weißen Männer, die seit Gedenken den Ton in der Gesellschaft angeben, versuchen den drohenden Verlust ihres Einflusses mit allen Mitteln aufzuhalten. Gegen eine Regierungspolitik, die eine Minderheit zum Sündenbock macht, wird Widerstand zur Pflicht. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die moralische Kraft in Trumps Amerika dazu noch vorhanden ist. Razzien und Massendeportationen verhöhnen die Werte, die diese Einwanderer-Nation einmal ausgezeichnet hatten.

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