15.03.2019 19:20:41

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Börsen-Zeitung: Aktien für niedrige Zinsen / Analyse zur

Anlagestrategie im Niedrigzinsumfeld von Dietegen Müller

Frankfurt (ots) - Dass die Zinsen in der Eurozone noch länger

niedrig bleiben, ist keine allzu große Überraschung. Nur ist es jetzt

sozusagen amtlich, seit die Europäische Zentralbank (EZB) vor gut

einer Woche erklärt hat, dass die Leitzinsen auch über 2019 hinaus

unverändert belassen werden. Da die Inflationserwartungen

zurückgegangen sind, gehen Analysten davon aus, dass die EZB auch im

Jahr 2020 kaum den Leitzins anheben dürfte. Dies hat auch

Implikationen für Anlagestrategien an den Aktienmärkten. Eine

beliebte Strategie in einem Umfeld niedriger Zinsen ist es, auf

Dividendenpapiere mit niedrigerer Schwankungsbreite (Low Volatility)

zu setzen. So rät BNP Paribas zu solchen Aktien, da diese bei

sinkenden Anleiherenditen besser abschneiden.

Die Ökonomen von Société Générale wiederum gehen nicht von einer

Zinserhöhung durch die EZB vor 2021 aus. Lockerere

Finanzierungskonditionen sprechen für risikoreichere Vermögenswerte,

schreiben die Strategen von Société Générale, weshalb auch die

Jahresendziele für die Aktienmärkte etwas hochgesetzt wurden.

Allerdings bleibe es schwierig, "übermäßig enthusiastisch" für

europäische Titel zu sein, so die Strategen, da US-Aktien mehr

Wachstum zu liefern versprächen und asiatische und chinesische Titel

zunehmend als Must-have für globale Portfolios erscheinen würden.

Demgegenüber würden europäische Aktien eher ein "Value Play"

darstellen. Dies allerdings vor allem in Sektoren, die aus Sicht der

Strategen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Mit Value-Strategie

werden meist Anlagen in Aktien bezeichnet, die besonders niedrige

Kurs-Buchwert- und Kurs-Gewinn-Verhältnisse aufweisen.

Value-Strategien neigen aber dazu schlechter abzuschneiden, wenn die

Renditen an den Anleihemärkten sinken.

Da die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sich bereits wieder

deutlich der Null-Prozent-Marke von oben angenähert hat, untersuchten

die Strategen von Société Générale, welche Aktien in einem Umfeld

sinkender Anleiherenditen besonders leiden oder profitieren. Dabei

wird deutlich, dass Pharma- und Konsumgüterhersteller gut

abschneiden. Umgekehrt leiden Bank- und diversifizierte Finanzwerte

besonders. Die Bewertung von Konsumgüteraktien gemessen am

Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis liege dabei auf einem Zehnjahrestief.

Das Shiller-KGV wird auf Basis der durchschnittlichen Gewinne der

vergangenen zehn Jahre berechnet.

Für die Strategen ist es dementsprechend eine reizvolle Strategie,

nun Konsumgüteraktien gegenüber Bankwerten zu bevorzugen, um vom

Umfeld niedriger Anleiherenditen zu profitieren. Die Experten

betonen, dass zwar Bankanleihen Rückenwind von niedrigen Zinsen

erhalten, nicht jedoch das Aktienkapital der Finanzinstitute, da ihre

Profitabilität bei niedrigen Zinsen schwach bleibt.

Die Bevorzugung von Konsumgüteraktien - Consumer Staples - oder

auch Gesundheitswerten im Niedrigzinsumfeld lässt sich etwa an den

Aktienkursen von L'Oréal, Reckitt Benckiser oder Unilever ablesen,

die in den vergangenen Tagen deutlich zugelegt haben.

Diese Titel weisen alle ein niedriges Beta von unter 1 aus. Ein

Beta von 1 bedeutet, dass der Aktienkurs genauso stark schwankt wie

der Gesamtmarkt, liegt der Wert darunter, ist die Schwankungsbreite

geringer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen die Zinsen

tendenziell immer weiter gesunken sind, hat sich gezeigt, dass sich

Anlagen in solche Aktien überproportional bezahlt gemacht haben.

Solche Low-Volatility-Strategien sind auch wissenschaftlich

untersucht worden, etwa um herauszufinden, ob ihre Überrendite nicht

nur in einem Umfeld sinkender, sondern auch steigender Zinsen, also

in einem unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmen, Bestand hat.

Der Assetmanager Amundi hat festgestellt, dass Gesundheits- und

Konsumgüteraktien weniger von der Höhe denn der Steilheit der

Zinskurve beeinflusst werden, aber Rückenwind von sinkenden Zinsen

erhalten, wie auch Versorger- und Telekomwerte. Nicht nur die

Sektorauswahl, auch die Einzeltitelauswahl spielt aber eine Rolle. So

schneiden Unternehmen mit einer höheren Verschuldung besser ab, wenn

die Zinsen niedrig sind. Umgekehrt sind solche Zinswetten gefährlich

für die Performance, sollten die Sätze doch steigen.

(Börsen-Zeitung, 16.03.2019)

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