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Interview Exklusiv 17.11.2013 03:00:01

Star-Ökonom Mayer: Die Finanzmärkte agieren wie Drogensüchtige

Star-Ökonom Mayer: Die Finanzmärkte agieren wie Drogensüchtige

von Benjamin Summa

Herr Dr. Mayer, die EZB scheint entschlossen, die Politik der Geldschwemme zu verschärfen. Kürzlich wurde der Leitzins auf ein Rekordtief gesenkt. Die einen sprechen von einer notwendigen Stütze für die Konjunktur im Euroraum, die anderen von einem fatalen Signal für alle Sparer, die fürs Alter vorsorgen. Wie ist Ihre Lesart?
Die Leitzinssenkung ist meiner Einschätzung nach deswegen beschlossen worden, weil sich die EZB davor fürchtet, dass der Süden Europas beim Versuch, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, in die Deflation abrutscht. Der Süden bräuchte eigentlich eine interne reale Abwertung, d. h. die Löhne und Preise im Süden müssten in Relation zum Norden Europas fallen. Hierdurch könnte sich die Schuldendynamik im Süden allerdings verschlimmern und die Eurokrise wieder mit voller Wucht auf die Agenda kommen. Um dieses schlechte Szenario zu vermeiden, wählt die EZB das zweitschlechteste. Man versucht also den Süden vor den Folgen der Deflation zu bewahren und verschiebt die Anpassungslast in den Norden. Im Norden müssen also die Preise steigen, weil sie im Süden nicht fallen dürfen.

Glauben Sie noch an eine Exit-Strategie der Notenbanken?
Nach dem Platzen der globalen Kreditblase – und hieran waren die Zentralbanken nicht unschuldig – war es notwendig und richtig, das System durch schnelle Geldspritzen der Zentralbanken zu stabilisieren. Hier hat man die Lektion aus den frühen 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts gelernt. Nachdem aber die Depression vermieden worden war, haben die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik versucht, die Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückzuführen. Dies hat dazu geführt, dass die Wirtschaft und die Finanzmärkte wie Drogensüchtige von geldpolitischen Spritzen abhängig gemacht worden sind. Derzeit haben die Notenbanken also das Problem, den Süchtigen die Drogen wieder zu entziehen – dies wird nicht ohne eine stärkere Krise funktionieren können. Die Notenbanken kommen also aus dieser selbst geschaffenen Falle nicht ohne Weiteres heraus. Die neue Krise könnte sich darin äußern, dass es zu einer Wachstumsrezession kommt. Die Geldschwemme könnte aber natürlich auch zu einer höheren Inflation führen, die Folge wäre dann eine große Rezession.

Die gewaltigen Staatsschulden, die tiefen Zinssätze und die lockere Geldpolitik der Notenbanken lassen also eine starke Geldentwertung erwarten?
In allen entwickelten Ländern und in vielen Schwellenländern haben wir jetzt schon eine negative Realverzinsung am Geldmarkt – der Nominalzins liegt in diesen Ländern also unterhalb der Inflationsrate. Das bedeutet faktisch die schleichende Enteignung derjenigen, die Geldvermögen besitzen. Das hat System, denn in einem stark verschuldeten globalen Umfeld können sich die Schuldner hierdurch real entlasten. In Deutschland ist dieses Problem besonders gravierend. Hierzulande wird das Preisniveau deutlich steigen. Gleichzeitig importiert Deutschland eine Geldpolitik, die eher den Bedürfnissen der Südländer entspricht. Negative Realzinsen werden für eine lange Zeit Teil der deutschen Wirklichkeit sein. In Deutschland führt diese Politik zu ganz anderen Verteilungswirkungen als anderswo. In vielen anderen Ländern findet die Umverteilung zwischen inländischen Gläubigern und inländischen Schuldnern statt, in Deutschland findet diese zwischen inländischen Gläubigern und ausländischen Schuldnern statt. Deutschland wird durch die finanzielle Repression insgesamt vermögensärmer.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in einem kürzlich veröffentlichten Bericht darauf hingewiesen, dass in vielen Ländern die Debatte über eine einmalige Vermögensabgabe auflebe. Ein Rechenbeispiel wurde gleich mitgeliefert. Demnach können durch eine solche Vermögensabgabe von etwa zehn Prozent die Schuldenstände aller Euroländer auf den Stand vor der Finanzkrise, also im Jahr 2007, gedrückt werden. Wie realistisch sind solche Gedankenspiele? Müssen sich die Sparer Sorgen machen?
Es kommt darauf an, wo man sich als Sparer befindet. Diese Vermögensabgabe wäre eine Alternative für eine staatliche Schuldenentlastung. Die Staatsschuld kann also zum Teil durch einen sogenannten „Haircut“ gesenkt werden, wie wir ihn in Griechenland bereits gesehen haben. Dieser Haircut kann aber auch dadurch simuliert werden, indem der Staat seinen Bürgern eine einmalige Vermögensabgabe verordnet. Eine solche Überlegung wäre für Italien interessant. Dort halten die privaten Haushalte hohe Vermögen – laut einer EZB-Statistik mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Eine solche Vorgehensweise hätte den Vorteil, dass man ausländische Anleger und das Bankensystem unberührt lassen könnte. Man muss aber auch ganz deutlich sagen, dass eine solche Abgabe nur vernünftig ist, wenn der Staat faktisch bankrott ist. In Deutschland wäre es also abwegig, eine solche Vermögenssteuer einzuführen, weil der deutsche Staat seine Schulden noch auf normalem Weg begleichen kann.

Die Europäische Zentralbank hat versprochen, Not leidende Eurostaaten im Ernstfall zu stützen. Mario Draghi sagte damals: „Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten“. Hat diese Zusage den Charakter der Eurokrise aus Ihrer Sicht verändert?
Ja, ganz entscheidend sogar. Die Maastricht-Verträge hatten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ähnlich einem Goldstandard konstituiert. Die EZB sollte sich nur um Preisstabilität kümmern – sie war so etwas wie eine intelligente Goldmine. Nach der Finanzkrise hatten wir von 2010 bis Mitte 2012 eine Zahlungsbilanzkrise, wie sie sehr typisch für ein solches Goldstandard-Regime ist. Solche Krisen gehen immer einher mit Staatsbankrottrisiken und dem Risiko des Austritts einzelner Länder aus dem Regime. Das gab es in der Geschichte häufiger. 1908 flog beispielsweise Griechenland aus der lateinischen Münzunion, die eine Goldstandard-Union war, weil die Griechen ihre Goldmünzen mit Blei versetzt hatten.
Ich will den veränderten Charakter der Eurokrise an einem Beispiel deutlich machen: Im Frühjahr 2010 haben wir einen finanziellen Herzinfarkt in Griechenland gesehen, einen zweiten Herzinfarkt gab es im Herbst 2011 in Italien, und im Sommer 2012 drohte ein erneuter Herzinfarkt, der womöglich das Ableben des Patienten bedeutet hätte. Zu dieser Zeit änderte man das System: Das Quasi-Goldstandardsystem der Maastricht-Verträge ließ man hinter sich und schuf ein neues System, das man ein staatliches Schuldgeldsystem nennen könnte. In einem solchen System agiert eine Staatszentralbank als Kreditgeber der letzten Instanz auch für Staaten. Zudem muss sich die Zentralbank auch um die Banken und das Wirtschaftswachstum kümmern. Die Staatszentralbank wird also Teil einer Wirtschaftsregierung eines Eurostaates. Ab Sommer 2012 wurde der Euro also umgebaut – vom Goldstandard zum Staatsschuldgeld-Standard. Zudem wurde ein Euro-Schattenstaat gebildet. Der Europäische Rat ist dabei zur Schattenregierung geworden und die Troika zur mobilen Einsatzgruppe.
Mit diesem neuen System wurde das Risiko des Herzinfarktes zwar eliminiert, aber der Patient scheint jetzt an Krebs zu leiden, denn es ist überhaupt nicht klar, ob das System des Euro-Schattenstaates funktioniert. Die Bürger lehnen sich überall gegen diesen Schattenstaat auf, man begehrt gegen die Auflagen der Troika auf, die deutsche Bundeskanzlerin wird europaweit als Zuchtmeisterin verunglimpft. Zudem könnte das Bundesverfassungsgericht die Rolle der EZB als Kreditgeber der letzten Instanz für Staaten infrage stellen. Es könnte also sein, dass das Verfassungsgericht Deutschland verbietet, an Programmen teilzunehmen, die mit einem ungehemmten Kauf von Staatsanleihen an den Sekundärmarkten im Euro-Währungsgebiet verbunden wären. Dann wäre die Rolle der EZB gefährdet.

Welche Zukunftsprognose wagen Sie für Europa und die Gemeinschaftswährung?
Der Euro könnte erhalten werden, aber nur auf der Basis der Maastrichter Verträge. Im Euroraum müssten staatliche Insolvenzen möglich sein – die Staaten, die den Maastricht-Anforderungen nicht genügen, müssten aus dem Euroraum entlassen werden. Andernfalls wird der Euro nicht zu halten sein.

Ben Bernanke hat das sogenannte „Tapering“ von der Entwicklung der Arbeitslosenquote in den USA abhängig gemacht. Diese ist in den vergangenen Monaten besser ausgefallen als erwartet. Wann rechnen Sie frühestens mit einer Drosselung der Anleiheankäufe?
Die Fed kann das Kaufprogramm in diesem Umfang natürlich nicht für immer weiterführen. Die Kunst besteht nun darin, die Drosselung so einzuleiten, dass der Markt nicht kollabiert. Die amerikanische Notenbank müsste dem Markt als Ausgleich etwas anderes bieten, damit es vor dem Hintergrund eines kräftigen Zinsanstiegs nicht zu einem Einbruch der globalen Aktien- und Immobilienmärkte kommt. Die Fed arbeitet also meiner Einschätzung nach mit Hochdruck daran, den Markt von der harten Droge auf eine Ersatzdroge zu bringen – man könnte sagen: von Heroin auf Methadon.

Wir sehen völlig überbewertete Anleihenmärkte, auch Immobilien sind vielerorts sehr teuer und Aktien sind bereits stark gestiegen. Welche Tipps haben Sie angesichts des viel diskutierten Anlagenotstandes für Investoren parat?
Die Lage ist hier ziemlich klar: Die Anleger haben die Wahl zwischen dem sicheren Verlust bei festverzinslichen Anlagen und einem unsicheren Gewinn auf Aktienanlagen. Bei Geldvermögen kann der Verlust klar berechnet werden. Bei den Aktien ist der Gewinn natürlich nicht so eindeutig prognostizierbar. Die Immobilienanlage ist schwierig, denn wir werden mit Sicherheit eine Immobilienblase bekommen. Wer dann nicht um 5 vor 12 aussteigt, sitzt in der Falle, denn Immobilien sind nicht nur immobil, sondern auch illiquide. Gold wird als Alternativwährung gegenüber den elektronisch erzeugten Kunstwährungen gewinnen – und mit Kunstwährungen meine ich nicht die Bitcoins, sondern Dollar, Yen und Euro.

Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist Unternehmenssprecher bei ProAurum OHG.

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