15.02.2008 09:12:23

Jörg Krämer, Commerzbank: "Wie eine gefühlte Rezession"

"Die amerikanische Wirtschaft wird zum Stillstand kommen"

€uro fondsxpress: Herr Krämer, das Gros der Experten diskutiert nicht mehr darüber, ob es zu einer Rezession in den USA kommt, sondern nur noch in welchem Ausmaß. Was erwarten Sie?

Jörg Krämer: Eine echte Rezession, also ein negatives Wirtschaftswachstum in zweiaufeinander folgenden Quartalen wird es nicht geben. Ich gehe allerdings davon aus, dass die amerikanische Wirtschaft zum Stillstand kommen wird.

€uro fondsxpress: Was heißt das konkret?

Krämer: Das Wirtschaftswachstum wird bei null Prozent liegen. Das wird sich wie eine Rezession anfühlen, auch wenn rein formal keine vorliegen mag.

€uro fondsxpress: Weshalb wird sich das so anfühlen?

Krämer: Die US-Wirtschaft wächst normalerweise mit durchschnittlich drei Prozent jährlich. Wenn sie nun innehält, dann unterscheidet sich das so deutlich vom Normalzustand, dass man von einer gefühlten Rezession sprechen kann.

"Stagnation bis zur Jahresmitte"

€uro fondsxpress: Wann wird die amerikanische Wirtschaft wieder wachsen?

Krämer: Die Phase der Stagnation wird etwa bis zur Jahresmitte anhalten. Danach dürfte die Wirtschaft wieder ein wenig in Schwung kommen. Ich rechne im zweiten Halbjahr mit einem Wachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent.

€uro fondsxpress: Das liegt dann immer noch unter dem langjährigen Mittel von drei Prozent ...

Krämer: In der Tat. Die 1,5 bis 2,0 Prozent sind zu wenig für die USA. Mit diesen Zahlen wird die Wirtschaft Probleme haben. So ist beispielsweise eine steigende Arbeitslosigkeit zu erwarten.

"Die Börsen werden nur sehr langsam wieder steigen"

€uro fondsxpress: Bei wirtschaftlichen Schwächeperioden geht es oft scharf nach unten, dann aber ebenso schnell wieder aufwärts. Was Sie sagen, klingt nicht so, als würde es so kommen.

Krämer: Grundsätzlich haben Sie recht. Nach empirischen Beobachtungen geht es meist schnell nach unten und dann wieder schnell nach oben. Die aktuelle Schwächeperiode und die anschließende Erholung halte ich indes in ihrer Ausprägung für untypisch. Denn ich erwarte im zweiten Halbjahr keine schnelle, sondern nur eine zögerliche Erholung.

€uro fondsxpress: Was bedeutet das für die Aktienmärkte?

Krämer: Die Börsen sollten nach und nach wieder steigen. Allerdings nur sehr langsam. Außerdem wird diese Aufwärtsbewegung immer wieder von Rückschlägen unterbrochen werden.

"Die Gewinnschätzungen sind viel zu optimistisch"

€uro fondsxpress: Wieso Rückschläge? Das Wirtschaftswachstum nimmt doch ihrer Meinung nach wieder zu.

Krämer: Die Erholung wird sehr holprig sein. Ich erwarte insbesondere Querschüsse von Seiten der Unternehmensgewinne.

€uro fondsxpress: Inwiefern?

Krämer: Die Gewinne vieler Konzerne dürften niedriger ausfallen als erwartet. Die Schätzungen der Analysten hinsichtlich der Unternehmen aus dem US-Leitindex S&P 500 sind viel zu optimistisch. Da müssen in nächster Zeit noch etliche Zahlen nach unten korrigiert werden.

"Anleger sollten an sehr schlechten Börsentagen einsteigen"

€uro fondsxpress: Was heißt all das nun für die Anleger?

Krämer: Wer nur kurzfristig in Aktien investieren will, sollte vorsichtig sein. Die eben beschriebenen ständigen Rückschläge lassen Aktienengagements auf kurze Sicht riskant erscheinen. Wer indes langfristig anlegt, für den sind auch in diesen schwierigen Zeiten Aktien zu empfehlen. Anleger sollten momentan Geld bereithalten und an Tagen, an denen es sehr schlecht an der Börse läuft, einsteigen.

€uro fondsxpress: Das heißt, es geht noch weiter bergab?

Krämer: Das kann im Rahmen der erwähnten Rückschläge durchaus sein. Ich denke aber, dass die Börsen das schwerste Stück hinter sich haben. In der Tendenz sollte es bald wieder aufwärts gehen.

"Die Fed hat die richtigen Signale gesetzt"

€uro fondsxpress: Welche Gründe sprechen für die Erholung der Kurse?

Krämer: Es gibt verschiedene Kräfte, die positiv auf den Aktienmarkt wirken. An erster Stelle steht die günstige Bewertung vieler Titel. Die Kurs/Gewinn-Verhältnisse sind oft niedrig und das verheißt Kurspotenzial. Außerdem handeln die Zentralbanken, vor allem die Fed. Letztere hat durch ihre Zinssenkungen nach dem Schwarzen Montag am 21. Januar die Verluste in Amerika deutlich abgemildert und die richtigen Signale gesetzt. Zuletzt hilft der große Pessimismus der Anleger den Kursen.

€uro fondsxpress: Wie ist das zu verstehen?

Krämer: Als die Kurse am 21. Januar und in den darauffolgenden Tagen stark fielen, verkauften vor allem die pessimistischen Anleger. Die Optimisten hingegen blieben investiert und das sorgt für eine größere Zuversicht an den Märkten. Der Börse tut das gut.



Im Profil: Dr. Jörg Krämer

Dr. Jörg Krämer ist seit Juli 2006 Chef-Volkswirt und Co-Head of Research bei der Commerzbank. Zuvor war er von 2005 bis 2006 Chef-Volkswirt bei der HypoVereinsbank. Von 1997 bis 2004 arbeitete Krämer bei der Fondsgesellschaft Invesco, seit 2000 auch hier als Chef-Volkswirt. 1996 bis 1997 war er bei der US-Bank Merrill Lynch in Frankfurt tätig. Seine Karriere begann der 41-jährige am Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), wo er 1995 promovierte.

Quelle: €uro fondsxpress.

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