Verschuldung nimmt zu 06.05.2022 11:51:44

Deutsche Bank schätzt Euro-Krise trotz EZB-Käufen nicht als ausgeschlossen ein

Deutsche Bank schätzt Euro-Krise trotz EZB-Käufen nicht als ausgeschlossen ein

Zwar seien die Zinskosten aller Euro-Länder gemessen an der Wirtschaftsleistung gesunken und die durchschnittliche Restlaufzeit ihrer Schulden gestiegen, doch habe andererseits die Verschuldung einiger Länder seit 2011 weiter zugenommen, was sie im Falle eines deutlichen Anstiegs der Anleiherenditen vor die gleichen Probleme stellen würde wie 2011, schreiben die Analysten in einem Kommentar. "Die Freiheitsgrade der EZB sind begrenzt", meinen sie.

Uleer und Raab setzen sich in ihrer Untersuchung mit mehreren gängigen Urteilen über die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen einiger Euro-Länder auseinander, von denen manche nach ihrer Aussage nicht zutreffen. Ihre Aussage beziehen sich auf Spanien, Frankreich, Italien, Portugal, Irland, Deutschland und Griechenland.

1. Die Euro-Länder haben ihre Verschuldung seit 2011 verringert

Das ist nach ihrer Aussage nicht richtig, genau genommen trifft es nur auf Irland und Deutschland zu. In den meisten Ländern sind die Schulden schneller gewachsen als das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP). Spaniens Schuldenquote etwas erhöhte sich bis 2021 um 70 Prozent, Frankreichs um 29 und Italiens um 26 Prozent. Dagegen konnte Deutschland seine Verschuldung um 13 Prozent abbauen und Irland - dank eines stürmischen Wirtschaftswachstums - um 49 Prozent.

2. Der gewichtete durchschnittliche Kupon ist niedriger als vor zehn Jahren

Das stimmt nach Aussage der Autoren für alle Länder: In Italien sank er auf 2,4 (2011: 4,2) Prozent, in Spanien auf 2,2 (4,3) Prozent, Frankreich auf 1,6 (3,6) Prozent und in Deutschland auf 1,1 (3,3) Prozent.

3. Wir sind weit entfernt von den Rendite-Niveaus des Jahres 2011

Das stimmt nach Aussage der Autoren so nicht. Die aussagekräftigste diesbezügliche Messgröße ist ihrer Ansicht nach das Verhältnis von Zinskosten zu BIP. Länder mit höheren Schulden können trotz niedrigerer Renditen ebenso hohe Zinskosten wie 2011 haben. Besonders dicht ist Spanien diesem "kritischen Kupon" schon nachgerückt. Die Differenz zwischen ihm und dem aktuellen Kupon beträgt nur noch 0,3 Prozentpunkte und in Italien 0,9 Prozentpunkte. In Frankreich und Portugal sind es 1,2 und in Deutschland 2,7 Prozentpunkte.

4. Die durchschnittliche Restlaufzeit ist viel höher als 2011

Das stimmt, sie verlängerte sich beispielsweise im Falle Griechenlands auf etwa 28 (9) Jahre und im Falle Frankreichs auf 8 (7). Die durchschnittlichen Restlaufzeiten deutscher (6 Jahre) und italienischer (7 Jahre) blieb sie dagegen unverändert. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass sich das Fälligkeitsprofil Italiens am kürzeren Ende konzentriert. 35 Prozent der Staatsanleihen würden bis Ende 2024 fällig.

Gut an der Entwicklung der vergangenen zehn Jahre ist laut Uleer und Raab, dass die Länder ihre am BIP gemessenen Zinskosten senken und die Anleihelaufzeiten verlängern konnten. Schlecht sei allerdings, dass die Verschuldung weiter gestiegen sei, und zwar vor allem in den ohnehin hoch verschuldeten Ländern. "Diese Länder werden ähnliche Zinskosten im Verhältnis zum BIP haben, bei niedrigeren Renditeniveaus als im Jahr 2011", schreiben sei.

Wenn zum Beispiel die Rendite 10-jähriger italienischer Anleihen nächstes Jahr um 2 Prozentpunkte steigen würde, hätte Italien nach Aussage der Analysten Ende 2025 die gleiche Zinsbelastung in Prozent des BIP wie im Jahr 2011. "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schuldenlast gesunken ist und die EZB Spielraum hat, die Zinsen zu erhöhen und ihr Kaufprogramm zu beenden", schreiben sie. Aber die Freiheitsgrade der EZB seien begrenzt. "Sollten die Zinssätze länger stark ansteigen, könnten wir durchaus vor einer Euro-Krise 2.0 stehen."

Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)

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