26.07.2024 12:07:40

MARKT-AUSBLICK/KI-Rally ist vorbei - Vorsicht bei Zinshoffnung

FRANKFURT (Dow Jones)--Weiter im Korrekturmodus dürften DAX & Co sich auch in der kommenden Woche bewegen. Die Zeit der großen Kurseinbrüche bei den US-Techwerten und besonders dem Hype um "KI" sollte zwar vorbei sein, dennoch dürften die Kurse nach dieser "Korrektur mit Ansage" bestenfalls seitwärts laufen.

Wenn zu viel Neues auf einmal zu verarbeiten ist, wartet man am besten, bis sich der Staub legt. Die Freude über den Staffelwechsel bei der kommenden US-Präsidentenwahl dürfte nun der Frage weichen, wofür genau eigentlich Kamala Harris steht. Klare Trends, auf die man als Investor auch entsprechend leicht setzen kann, zeichnen sich noch nicht ab. Dazu kommt die laufende Berichtssaisson mit ständig neuen Informationen aus der Unternehmensebene. Und über allem schwebt die Sitzung der US-Notenbank mit ihrem Blick auf die kommende Zinspolitik.

Nur Wortwahl der Fed im Fokus

Eine Senkung der US-Leitzinsen wird von der Fed am Mittwoch noch nicht erwartet. An der Preisstruktur der US-Futures zeigt sich, dass über 93 Prozent des US-Marktes auf unveränderte Zinssätze eingestellt sind.

Erst mit den folgenden Sitzungsterminen ab September steigen die Wahrscheinlichkeiten dafür. Analysten wie von der Commerzbank gehen davon aus, dass die Fed die kommende Woche dafür nutzen wird, ihre nächste Zinssenkung zunächst kommunikativ vorzubereiten. Vor allem für die zinsempfindlichen Tech-Werte könnte damit die nächste Weichenstellung am Markt erfolgen.

Korrektur mit Ansage

Die gute Nachricht für die Aktienmärkte ist, große Schäden durch die Verluste im Tech-Sektor sollte es eigentlich nicht gegeben haben. Denn selten gab es eine "Korrektur mit Ansage" wie dieses Mal. Technische Signale wie Trendbrüche und fallendes Kaufinteresse wurden begleitet von einer ausgeprägten Bullen-Stimmung an den Märkten.

So zeigte die Umfrage des US-Anlegerverbandes AAII unter Investoren noch vor zwei Wochen einen Rekordwert von fast 53 Prozent Bullen an Wall Street. Umgekehrt waren gerade einmal über 23 Prozent bearish. Beide Werte zeigen extreme "Bewusstseinsstörungen", denn normal sind auf beiden Seiten Werte im 30-Prozent-Bereich. Ein bullisher Anleger ist aber bereits investiert und braucht noch einen weiteren, der ihm seine Aktien zu noch höheren Preisen abkauft. Die Zahl der potenziellen Käufer ging damit immer weiter zurück.

Von Fondsmanagern war zu hören, dass sie zwar bei der Rally der Tech-Werte "mitfahren", weil man dies aus Gründen des Marketings und des Benchmarking gegenüber irgendwelchen Indizes machen müsse, aktiver Käufer sei man aber nicht.

Überbewertung platzt - "Der Kaiser ist nackt"

Die hohe Bewertung von Tech-Aktien stützte sich auf eine absurde Annahme - nämlich die ewige Wiederholbarkeit von Einmalereignissen. Sogar bei Nvidia ging bis vor etwa einem Jahr der Gewinn je Aktie zurück. Erst der enorme Investitionsschub im KI-Hype ließ die Gewinne wieder explodieren.

Gerne übersehen wurde, dass für Nvidia-Chips Knappheitspreise bezahlt wurden, mit denen man nicht für immer rechnen kann. Die Nachfrage kam wiederum durch den Aufbau riesiger Rechenzentren, die als Nachfrager ausfallen, sobald sie fertig sind. Gleichzeitig stößt selbst deren Ausbreitung an Grenzen durch den riesigen Strombedarf. In Irland sollen Rechenzentren bereits mehr Strom fressen als alle Haushalte zusammen.

All das war offensichtlich, aber wie bei "Des Kaisers neue Kleider" muss erst einmal jemand laut in die Menge rufen, dass der "Kaiser nackt" ist. Den Job übernahm schon vor rund einem Monat bei Goldman Sachs der Leiter des globalen Aktienresearch, Jim Covello. Er warnte, dass die KI-Branche ihre aktuell extremen Investitionen eventuell gar nicht wieder einspielen könne. Zudem fehle es an der notwendigen "Killer-Applikation" aus der Technologie, die die Menschen wirklich brauchen.

Extreme Kursschläge bei Enttäuschung

Das Phänomen massiver Kurseinbrüche zieht sich in dieser Berichtsaison aber durch alle Branchen. Es reicht nicht mehr, die Konsenserwartungen nur zu treffen; man muss sie schlagen, und das auch noch deutlich. Enttäuscht man dagegen beim Wachstum, gibt es so richtig auf die Nase:

Selbst ein defensiver Standardwert wie Nestle fiel danach um 5 Prozent. Tech-Werte wie STMicro und BE Semiconductor wurden entsprechend mit minus 14 Prozent bestraft. Und bei Universal Music Group hatte der Markt das Streaming-Wachstum viel zu rosig gesehen - die Enttäuschung wurde mit bis zu 28 Prozent Crash quittiert.

Eine Auswertung der laufenden Berichtssaison durch die Strategen von Morgan Stanley zeigt, dass Kursreaktionen derzeit "negativ verzerrt" sind: Im Schnitt fallen Aktien um 5 Prozent, wenn sie die Erwartungen verfehlen. Umgekehrt geht es bei besseren Zahlen nur um 2 Prozent nach oben.

Für Trader lautet damit die Botschaft: Es lohnt sich, auf negative Überraschungen zu setzen, da ihr Kurspotenzial 2,5-mal höher ist. Anleger warten hingegen ab, was die Berichtssaison so hergibt. Insgesamt sieht es laut den MS-Strategen aber nicht schlecht aus: Vor allem bei Pharma, Banken und Telekoms gebe es gute Daten.

Vorsicht bei Zins-"Hoffnungen" - Volkswirte liegen falsch

Kommende Woche sollten Anleger vorsichtig sein, wenn Kursanstiege nur mit Zins-Hoffnungen begründet werden. Hier werden zu viele Warnsignale vom Markt ignoriert: so das Wachstum im US-BIP von 2,8 Prozent entgegen erwarteter 2,1 Prozent. Dahinter steht aber keine "überraschende" Stärke, sondern nur, dass Volkswirte kein Gespür für die Einschätzung der US-Wirtschaft haben.

Das untermauerte auch der Anstieg des Einkaufsmanager-Index (PMI) für den US-Service-Bereich: Dieser für den US-Arbeitsmarkt wichtigste Indikator sprang entgegen der Erwartung auf 56,0 Punkte. Auch hier hatten sich Volkswirte verschätzt; einige hatten einen Rückgang in den 54er-Bereich erwartet. Warum sie angesichts dieser starken US-Wirtschaft mit Zinssenkungen rechnen, bleibt ihr Geheimnis.

Anleger sollten kommende Woche besonders auf die Revisionen dieser PMIs achten. Zeigen sie nach oben, werden Zinssenkungen unwahrscheinlich. Dazu gibt es neue PMIs aus China und US-Daten wie den ISM-Index. Weiter werden rund um den Globus BIP-Daten vorgelegt. Zur Inflation stehen neue Verbraucherpreise aus der Eurozone und Deutschland an. Die Woche schließt dann mit dem US-Arbeitsmarktbericht.

Von der Berichtsaison gibt es eine weitere Zahlenflut quer durch alle Branchen. Im DAX legen unter anderem Airbus und MTU, Merck, Vonovia, VW und BMW ihre Daten vor. Spannend für die US-Techwerte wird es mit Microsoft, Apple, Qualcomm, Meta und Intel.

Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com

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(END) Dow Jones Newswires

July 26, 2024 06:07 ET (10:07 GMT)

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