Anleger flüchten 25.01.2019 17:54:00

GERRY WEBER-Aktie bricht nach Insolvenzantrag massiv ein

GERRY WEBER-Aktie bricht nach Insolvenzantrag massiv ein

Die Aktien von GERRY WEBER sind Freitagmittag im Xetra-Handel zeitweise um 73,79 Prozent auf 0,45 Euro eingebrochen. Bei Börsenschluss standen die Papiere noch 65 Prozent im Minus bei 61 Cent. Bereits am Vortag waren die Aktien des schwer angeschlagenen Modekonzerns ohne Nachrichten auffällig schwach. Nun teilte GERRY WEBER mit, dass beim Amtsgericht Bielefeld ein Antrag auf Anordnung des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens im Rahmen der Insolvenzordnung gestellt wurde. Ziel ist, das Unternehmen im Zuge der laufenden Restrukturierung zu sanieren.

Die Aktien kennen seit Februar 2015 nur noch eine Richtung: abwärts. Vom damaligen Niveau bei rund 35 Euro ging es angesichts von Umsatzrückgängen und roten Zahlen nach unten.

Betroffen sei ausschließlich die Muttergesellschaft GERRY WEBER International mit rund 580 Mitarbeitern. Für die Tochtergesellschaften wie Hallhuber seien keine Anträge gestellt worden.

Der Geschäftsbetrieb soll nach Unternehmensangaben in vollem Umfang weitergeführt werden. Die Finanzierung des Modeanbieters sei nach derzeitigem Stand bis ins Jahr 2020 gesichert, hieß es. Ausgelöst worden sei der Antrag durch das Scheitern der Gespräche mit den Finanzierungspartnern über die weitere Finanzierung des Konzerns.

GERRY WEBER mit den Kernmarken GERRY WEBER, Hallhuber, Samoon und Taifun kämpft seit längerem mit Umsatzrückgängen und roten Zahlen. Bereits in den vergangenen Monaten hatten sich die schlechten Nachrichten aus dem westfälischen Unternehmen gehäuft. Zuletzt hatte das Unternehmen Mitte Januar seine Gewinnprognose nach unten korrigieren müssen. Dadurch stieg der erwartete Vorsteuerverlust für das Geschäftsjahr 2017/18 auf über 192 Millionen Euro. Grund waren unter anderem Probleme bei der bislang als Hoffnungsträger geltenden Tochter Hallhuber.

Der Modehändler kämpft dabei an vielen Fronten - unter anderem mit einem schwachen Digitalgeschäft, einer schlechten Positionierung der Marken sowie starker Konkurrenz durch andere Unternehmen wie Hennes & Mauritz und der Inditex-Tochter Zara. "Wir haben unser Produkt besonders für die Kundinnen im Alter von 50 plus nicht weiterentwickelt", sagte das Management am Freitag in einer Telefonkonferenz zu den größten Fehlern. Das Image der Kernmarke sei bieder und altbacken geworden.

Volker Bosse von der Baader Bank kann den Nachrichten indes auch viel Gutes abgewinnen: Er hält den jetzigen Antrag für eine gute Lösung, nachdem sich GERRY WEBER mit einigen Schuldschein-Gläubigern zuletzt nur über eine Stundung von Krediten bis Ende Januar hatte einigen können. Der Geschäftsbetrieb soll nach Unternehmensangaben in vollem Umfang weitergeführt werden. Und die Finanzierung des Modeanbieters sei nach derzeitigem Stand bis ins Jahr 2020 gesichert, hieß es.

GERRY WEBER hat jedoch mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Laut Analyst Bosse etwa fehlt es der Marke an Attraktivität. Damit einhergehend gingen die Kundenzahlen in den Läden zurück. Auch im Online-Geschäft hinke GERRY WEBER hinterher. E-Commerce sei bei GERRY WEBER zu wenig entwickelt und mache lediglich 5 Prozent des Umsatzes aus, kritisiert der Baader-Analyst. Im vergangenen Jahr machte dem Unternehmen - wie vielen anderen Textilhändlern auch - zudem der unerwartet heiße Sommer zu schaffen, der vielen Kunden die Lust aufs Einkaufen verdarb.

GERRY WEBER hat zwar bereits ein Restrukturierungsprogramm auf den Weg gebracht. Dies sei aber kostspielig und brauche Zeit, so Bosse. GERRY WEBER will unter anderem bis zu 900 Arbeitsplätze im In- und Ausland abbauen und rund 230 Verkaufsflächen schließen.

Alleine ist GERRY WEBER auf dem deutschen Modemarkt mit seinen Problemen nicht. Auch andere bekannte Namen wie Esprit oder TOM TAILOR kämpfen mit roten Zahlen. Einer der Gründe: Die Ausgaben der deutschen Verbraucher für Bekleidung sind in den letzten 25 Jahren kaum noch gewachsen. Gleichzeitig nimmt der Online-Handel den Geschäften in den Einkaufsstraßen einen immer größeren Teil der Umsätze weg. "Es ist ein gnadenloser Ausleseprozess", urteilte kürzlich Peter Frank von der Münchner Handelsberatung BBE.

Doch das ist nicht alles. "Dem Modemarkt fehlt es an tiefgreifenden Innovationen", klagte kürzlich das Fachblatt "Textilwirtschaft". Mode an sich und auch der stationäre Modekauf hätten an Strahlkraft verloren. Stattdessen gäben die Verbraucher ihr Geld lieber für neue Smartphones, gutes Essen oder einen Kurztrip nach Paris aus.

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Bildquelle: GERRY WEBER