Verantwortung abgewiesen 06.09.2018 21:10:11

Nach Bilanzskandal: Überraschende Aussagen von Ex-Steinhoff-Chef

Nach Bilanzskandal: Überraschende Aussagen von Ex-Steinhoff-Chef

Seit Monaten warten Anleger des stark angeschlagenen Möbelkonzerns Steinhoff nun auf die immer wieder verschobene Vorlage der Jahresbilanz 2017. Ende 2018 soll es nun endlich soweit sein.

Bis dahin geht die Aufarbeitung des Bilanzskandals weiter: Im Mittelpunkt des Interesses: Der frühere Steinhoff-Chef Markus Jooste, der sich bislang konkreten Aussagen insbesondere über das "Wie" und das "Warum" des vermutlichen Bilanzbetrugs entzog. Entsprechend viel Aufmerksamkeit zog der millionenschwere Manager auf sich, als er am Mittwoch erstmals seit Bekanntwerden des Bilanzskandals öffentlich Stellung zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen nahm. Schließlich hatte Jooste zuvor verweigert mit seinem Anwalt zu sprechen und dies damit begründet, dass er kein Mitarbeiter von Steinhoff mehr sei. Einer Einladung des Parlamentes war Joost ebenfalls nicht gefolgt - voreilige Aussagen könnten ihm in einem späteren Gerichtverfahren möglicherweise schaden, hieß es.

Jooste beteuert eigene Unschuld

Nun trat der ehemalige Steinhoff-Chef vor dem Parlament in Südafrika am Mittwoch aber doch öffentlich in Erscheinung, um - so war es mit den Volksvertretern ausgemacht - Fragen zu im Vorfeld genau abgesteckten Themen zu beantworten. Das Ergebnis dürfte weder Anleger noch Investoren zufriedenstellen, denn Jooste lehnte jede Verantwortung für den Bilanzskandal, der das von ihm geleitete Unternehmen bis an den Rand der Insolvenz getrieben und Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet hat, vehement ab.

Wie "Bloomberg" berichtet, erklärte der ehemalige CEO: Zu dem Zeitpunkt, als er seinen Chefposten bei Steinhoff am 5. Dezember 2017 abgegeben habe, habe er keine Kenntnis über mögliche Unregelmäßigkeiten im Unternehmen gehabt. "Ich war mir in den Büchern von Steinhoff keiner buchhalterischen Unregelmäßigkeit bewusst, und ich habe nie über die Aktivitäten des Unternehmens gelogen", so Joost im Rahmen der Anhörung vor dem südafrikanischen Parlament.

Stattdessen schob der ehemalige Steinhoff-CEO den Wirtschaftsprüfern von Deloitte die Schuld zu. Diese hätten kurz vor der Veröffentlichung der Bilanz für 2017 plötzlich eine weitere Untersuchung gefordert und das Testat für die Zahlen verweigert. Er selbst habe zwar noch einen Austausch der Wirtschaftsprüfer vorgeschlagen, um zumindest bis Ende Januar testierte Steinhoff-Zahlen vorlegen zu können. Ihm sei bewusst gewesen, dass die Alternative zu diesem Vorschlag - nämlich keine Jahresbilanz vorzulegen, was schlussendlich auch passiert sei - "katastrophale Folgen" hätte. Dennoch sei er mit diesem Ansinnen am Steinhoff-Board gescheitert, das stattdessen die Wirtschaftsprüfer von PwC mit einer externen Untersuchung betraut hat, so Jooste weiter.

Ex-CEO nimmt XXXLutz-Inhaber in die Verantwortung

Während er selbst keine Verantwortung für den Steinhoff-Bilanzsskandal und dessen Folgen übernehmen will, schoss Jooste im Rahmen der Anhörung scharf gegen seinen ehemaligen Geschäftspartner Andreas Seifert, Chef der Möbelkette XXXLutz. Ein Streit mit ihm über die Bewertung und die Anteilsverteilung bei der deutschen Möbelkette POCO sei ursächlicher Auslöser für die Beinahe-Pleite von Steinhoff gewesen, so der Ex-CEO weiter. Dem Vernehmen nach gab es unterschiedliche Auffassungen über die Finanzierung gemeinsamer Zukäufe.

Ex-Steinhoff-Finanzchef nimmt Joost in die Pflicht

Während Joost den österreichischen Manager Seifert und die Verschiebung der Bilanzzahlen für den Kurseinbruch der Steinhoff-Aktie und die Vernichtung von Milliarden Euro an Börsenwert verantwortlich macht, hat ein ehemaliger Weggefährte, der ehemalige Finanzchef von Steinhoff, Ben La Grange, kürzlich ein anderes Bild gezeichnet.

Bei einer ähnliche Anhörung vor dem Parlament in Südafrika in der vergangenen Woche beschuldigte er Markus Jooste direkt, Informationen nicht geteilt und Einfluss auf Transaktionen von Dritten genommen zu haben, die ihrerseits jetzt Teil der Untersuchung durch die Wirtschaftsprüfer von PwC seien. Zudem hatte La Grange im Rahmen der Anhörung über Transaktionen mit einer fiktiven Gesellschaft berichtet.

PwC bringt wohl Licht ins Dunkel

James-Brent Styan, der Autor des Buchs "Steinhoff: Inside SAs biggest corporate crash" zweifelt die Aussagen von Markus Jooste vor dem Parlament offenbar ebenfalls an. "Jooste macht den österreichischen Geschäftsmann für den Zusammenbruch verantwortlich, und die Tatsache, dass die Finanzzahlen nicht veröffentlicht wurden. Wenn er die Wahrheit gesagt hat, warum haben die anderen hochrangigen Mitglieder, die vor dem Parlament erschienen sind, es in ihrer Aussage nicht erwähnt? Ich finde es schwer zu verstehen, dass der österreichische Geschäftsmann hier eine Rolle spielte", zitiert Bloomberg den Experten. "Ich fürchte, Jooste hat uns gerade eine Geschichte verkauft, die sehr interessant ist und über die ein Richter später entscheiden soll", so Styan weiter.

Wer die Hauptschuld am Bilanzskandal bei Steinhoff trägt, bleibt auch nach dem ersten öffentlichen Auftritt von Ex-Chef Jooste vorerst also weiter im Dunkeln. Erste verlässliche Ergebnisse könnten Ende 2018 vorliegen, dann will die vom Unternehmen selbst angeheuerte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC ihre Untersuchung im Wesentlichen abgeschlossen haben und ihre Einschätzung präsentieren.

Redaktion finanzen.at

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Bildquelle: Steinhoff International Holdings N.V.,Jeremy Glyn/Financial Mail/GalloImages/GettyImages

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