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Neuer Höhepunkt 25.06.2020 17:59:00

Wirecard-Aktie bricht um gut 70 Prozent ein: Wirecard stellt Insolvenzantrag - Kein schneller DAX-Rauswurf

Wirecard-Aktie bricht um gut 70 Prozent ein: Wirecard stellt Insolvenzantrag - Kein schneller DAX-Rauswurf

Das Unternehmen will wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden, wie der Vorstand am Donnerstag in einer kurzen Ad-hoc-Mitteilung ankündigte. Möglicherweise werden große Teile des Konzerns in den Abgrund stürzen: Der Wirecard-Vorstand prüft, ob auch die Tochtergesellschaften des Konzerns Insolvenz anmelden müssen. Ausgenommen bleiben soll die Wirecard Bank, diese wird laut Wirecard mit Einverständnis der Finanzaufsicht Bafin finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. Weltweit beschäftigt Wirecard etwa 5800 Menschen.

An der Börse kam es zu Panikverkäufen:Wenige Minuten vor der Mitteilung wurde die Wirecard-Aktie vom Handel ausgesetzt. Zuvor war das Papier via XETRA erstmals seit 2011 unter die Marke von 10 Euro abgesackt. Im Tief lag der Kurs mit mehr als minus 80 Prozent bei 2,50 Euro, nachdem die Aktie zwischenzeitlich für eine Stunde vom Handel ausgesetzt war. Zuvor hatte sie im Tageshoch 12,02 Euro gekostet. Schlussendlich beendete sie den Handel für 3,53 Euro, was gegenüber Mittwoch ein Minus von 71,28 Prozent bedeutete.

Ein sofortiger Abstieg aus dem DAX droht aus heutiger Sicht nicht: "Bei einem regulären Insolvenzverfahren dagegen bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im DAX", erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse die Regeln für alle DAX-Mitgliedsunternehmen. Der nächste reguläre Anpassungstermin ist der 3. September. Dann allerdings hat Wirecard keine Chance mehr, unter den Top 30 der deutschen Börsenschwergewichte zu bleiben: Das Unternehmen war am Nachmittag an der Börse weniger als eine halbe Milliarde Euro wert.

Bei Wirecard wird nun zunächst ein Gutachter beauftragt, der die Lage des Unternehmens beurteilt. Im nächsten größeren Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Eine entscheidende Frage bei Wirecard wird sein, ob das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb fortsetzen kann oder nicht.

Laut Wirecard laufen Mitte nächster Woche insgesamt 1,3 Milliarden Euro an Krediten aus, für die kein Ersatz in Sicht ist: "Ohne eine Einigung mit den Kreditgebern bestand die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni 2020 und 500 Millionen Euro zum 1. Juli 2020." Die Fortführbarkeit des Unternehmens sei "nicht sichergestellt".

Eine Insolvenz von Wirecard könnte eine Reihe von Banken teuer zu stehen kommen, die dem Unternehmen über eine Kreditlinie einem Anleiheprospekt zufolge bis zu 1,75 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt haben. Dazu gehören als führende Institute die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die niederländische ABN Amro und die Deutschland-Tochter der niederländischen ING (ING Group).

Nach Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und Bloomberg hatten die Banken Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe zurückfordern.

Damit ist ein vor einer Woche noch als solvent und zukunftsträchtig geltender DAX-Konzern in atemberaubender Geschwindigkeit in den Abgrund gerutscht. Die Anlegervereinigung DSW forderte rückhaltlose Aufklärung. "Das ist eine Katastrophe", sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. "Bei Wirecard hat das System versagt" - das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie auf die Bilanzprüfer der Gesellschaft EY, die die Jahresabschlüsse testierte, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin.

EY selbst geht von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannendem Maßstab aus. "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", erklärte EY in Stuttgart. "Im Rahmen der Abschlussprüfung für das Geschäftsjahr 2019 hat EY entdeckt, dass gefälschte Saldenbestätigungen und weitere gefälschte Unterlagen für die Treuhandkonten vorgelegt wurden." EY habe das den zuständigen Behörden sowie dem Unternehmen und seinem Aufsichtsrat mitgeteilt.

"Konspirativer Betrug, der darauf abzielt, die Investoren und die Öffentlichkeit zu täuschen, geht oft mit umfangreichen Anstrengungen einher, systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen", hieß es in der Mitteilung weiter. "Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken."

Der Fall Wirecard ist spätestens mit der Insolvenzankündigung zum Politikum geworden: Die Finanzaufsicht Bafin hätte frühzeitig eingreifen können, kritisierte Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter. "Olaf Scholz und Peter Altmaier als die zuständigen Minister stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das Fehlverhalten ihrer Behörden erklären."

"Dieser Fall muss komplett aufgeklärt werden, damit wir daraus lernen können", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler. "Das darf nicht wieder so laufen wie bei Volkswagen, dass sich das jahrelang hinzieht und dann mit einer Geldbuße endet."

Im Mittelpunkt des Skandals stehen mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Unmittelbarer Auslöser der Krise war das Eingeständnis finanzieller Unregelmäßigkeiten am Donnerstag vergangener Woche.

Am Freitag war Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, am Montag räumte Wirecard dann die Luftbuchungen ein. Die 1,9 Milliarden, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten lagern sollten, existieren mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht, wie der Vorstand formulierte. Braun kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, wurde am Dienstag aber gegen Kaution von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wirecard wickelt als Zahlungsdienstleister die bargeldlosen Geldflüsse zwischen Händlern auf der einen und Banken sowie Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite ab. Die Aufklärung wird allein deshalb schwierig, weil sich ein wesentlicher Teil der Affäre in Südostasien abspielte: Zwei zentrale Figuren sind der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 in Singapur für Wirecard aktiv war. Der Unternehmen betreute das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit Drittfirmen, die angeblich für Wirecard Zahlungen im Mittleren Osten und in Asien abwickelten.

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die britische "Financial Times", die Anfang 2019 über mutmaßliche Manipulationen in Singapur berichtete. Da es anschließend zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft zuerst Untersuchungen eingeleitet, ob illegale Manöver von Börsenspekulanten dahinter steckten.

Nun herrscht erst einmal Fassungslosigkeit: "Das ist von der Dimension her sehr schwer zu greifen", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler.

Wirecard-Pleite: Finanzministerium prüft mehr Kompetenzen für Bafin

Als Lehre aus der Wirecard-Pleite will das Bundesfinanzministerium die Kompetenzen der Finanzaufsicht Bafin auf den Prüfstand stellen. "Wir müssen bei der Bafin schauen, was schiefgelaufen ist. Wir müssen überlegen, ob die Möglichkeiten der Bafin einzuschreiten, ausreichen. Ob Unternehmen wie die Wirecard AG, die ja effektiv Finanzdienstleistungen erbringt, nicht auch in ihrer Gesamtheit auch als Finanzdienstleister beaufsichtigt werden können", sagte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies dem Nachrichtenportal "The Pioneer" (Donnerstag). Das Ministerium prüfe eine Reform nun sehr intensiv: "Es muss alles schonungslos zur Diskussion gestellt werden. Es ist doch völlig klar, dass wir da Konsequenzen ziehen müssen."

(dpa-AFX )

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