Nach dem großen Boom 08.12.2019 15:11:00

Einstiger Hoffnungsmarkt: Darum hat die Cannabis-Branche Milliarden an Marktkapitalisierung eingebüßt

Einstiger Hoffnungsmarkt: Darum hat die Cannabis-Branche Milliarden an Marktkapitalisierung eingebüßt

• Pot-Konzerne bleiben hinter Erwartungen zurück
• Cannabis-Blase geplatzt?
• Entwicklungen bezüglich US-Legalisierung spielen entscheidende Rolle

Vor rund zwei Jahren startete ein regelrechter Cannabis-Boom. Dank der Legalisierung von Cannabis in Kanada und einigen Staaten in den USA im Jahr 2018, wurden Canopy Growth, Aurora Cannabis, Tilray, Cronos, HEXO und Co. zu den Lieblingen der Investoren. Doch im Laufe dieses Jahres mehrten sich die Negativschlagzeilen in der Cannabis-Branche und einige Konzerne blieben mit ihren Zahlenvorlagen, teils deutlich, hinter den Erwartungen zurück. Warum es für viele Cannabis-Konzerne in den letzten Monaten abwärts ging, was Anlegern nun wieder Hoffnung macht und wie es 2020 mit dem Marihuana-Geschäft weiter gehen könnte:

Optimistischer Start ins Jahr

Noch zu Beginn des Jahres schien die Entwicklung der Cannabis-Aktien für 2019 nur eine Richtung zu kennen, nämlich aufwärts, da waren sich auch die meisten Analysten einig. Börsenkenner Jim Cramer betitelte die Canopy Growth-Aktie als beste des Marihuana-Markts. In nur einem Monat ging es für das Papier mehr als 80 Prozent nach oben - Analysten trauten ihm sogar noch mehr zu. Und auch für den gesamten Cannabis-Markt äußerte sich nicht nur Cramer, sondern auch Vivien Azer, die als Top-Analystin der Branche gilt, für 2019 positiv.

Viele Zusammenschlüsse am Markt

Dieses Jahr war das Jahr der großen Deals am Cannabis-Markt. Durch den Hype um die Hanfpflanze und ihre Inhaltsstoffe, wie das CBD, gründeten sich viele neue Unternehmen. Doch viele kleinere Firmen hätten dem Konkurrenzkampf alleine nicht standhalten können, wodurch Zusammenschlüsse wichtig wurden, um sich am Markt durchzusetzen. Bereits Anfang des Jahres hatten die großen Player begonnen, kleinere Unternehmen aufzukaufen - dieser Trend setzte sich fort. Im Frühjahr kaufte z.B. Cresco Labs den Konkurrenten Origin House für mehr als eine Milliarde Kanadische Dollar auf. Doch nicht nur auf dieser Ebene wurden Deals abgeschlossen: Einige große kanadische Cannabis-Unternehmen machten Geschäfte mit großen Unternehmen aus anderen Branchen, wie beispielsweise Canopy Growth mit dem Getränkehersteller Constellation Brands oder Cronos mit dem Marlboro-Hersteller Altria.

Das Sommertief

Zur Mitte des Jahres dann mehrten sich die weniger erfreulichen Nachrichten: Einige Cannabis-Konzerne konnten mit der Veröffentlichung ihrer Quartalsergebnisse die Erwartungen am Markt nicht erfüllen. Dazu kamen auch noch andere Probleme und Skandale, die die ganze Branche in Mitleidenschaft zogen.

Eine Negativ-Überraschung war die Entlassung Bruce Lintons bei Canopy Growth. Er konnte unter dem Druck von Constellation Brands, das mit den steigenden Verlusten Canopys sichtlich unzufrieden war, seine Position nicht halten. Konkurrent Curaleaf handelte sich derweil eine Abmahnung der Food and Drug Administration (FDA) ein. Grund war wohl die aggressive Vorgehensweise des Unternehmens, das eine Partnerschaft mit der Drogeriekette CVS einging. Die FDA warf Curaleaf vor, von den Produkten, die CVS vertreibt, zu behaupten, sie könnten der Behandlung schwerwiegender Krankheiten dienen. CannTrust sorgte mit einem Skandal um nicht genehmigte Marihuana-Anbauflächen für Aufsehen. Daraufhin beschlagnahmte das kanadische Gesundheitsministerium etliche Tonnen der Ernte. Anschließend wurde auch noch bekannt, dass Teile dieser unzulässigen Produktion bereits ins Ausland exportiert wurden und die Geschäftsführung über die Machenschaften Bescheid wusste.
Dass Fortschritte in Sachen Cannabis-Legalisierung in den USA weiter auf sich warten ließen, sorgte ebenfalls für eine gedämpfte Stimmung.

Millionenverluste am Cannabis-Markt

Die Cannabis-Konzerne investierten immer mehr in ihr Wachstum, auch über die Grenzen hinaus, jedoch konnten sie die Investitionen nicht in Gewinne ummünzen und mussten herbe Verluste einstecken. Weder HEXO, noch Aurora Cannabis oder Canopy Growth konnten die Erwartungen der Analysten erfüllen. Und so wurden im Spätsommer auch Experten dem ganzen kanadischen Cannabismarkt gegenüber skeptischer. Nachdem HEXO mit einer Umsatzwarnung schockte, straften Analysten nicht nur HEXO, sondern auch Marktführer Canopy Growth ab. Sie rieten Investoren, ihre Anlagen aus kanadischen Konzernen in die USA zu verlagern. Die sogenannten MSOs (Multi-State Operatoren) würden von den Schlagzeilen nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. HEXO verkündete nach der Umsatzwarnung und den negativen Analystenkommentaren, dass der Konzern rund 200 Stellen gestrichen und einzelne Werke geschlossen habe. Doch nicht nur kanadische Unternehmen waren betroffen, auch MedMen, ein US-Konzern, musste rund ein Fünftel der Belegschaft entlassen.

Die Kurse der Cannabis-Unternehmen verzeichneten entsprechend ebenfalls Verluste. Für HEXO-Aktien ging es an der NYSE seit Jahresbeginn um 63,14 Prozent abwärts auf 2,09 US-Dollar. Die Papiere von Canopy Growth verloren 30,59 Prozent auf 18,65 US-Dollar, nachdem sie zum Jahresstart noch rund zehn Dollar höher standen. Für Aurora Cannabis-Aktien ging es ganze 51,01 Prozent abwärts auf 2,43 US-Dollar. Titel von CannTrust werden noch für 0,84 US-Dollar gehandelt, was ein Minus von 82,49 Prozent zum Jahresanfang bedeutet. Aphria haben 17,05 Prozent auf 4,72 US-Dollar verloren. Tilray-Aktien kosten an der Nasdaq mit 16,74 US-Dollar 76,27 Prozent weniger. Cronos-Aktien weisen Year-to-Date einen Abschlag von 42,73 Prozent auf 5,95 US-Dollar aus (Stand: 6. Dezember 2019).

Vielfältige Gründe

Doch woher rühren die schlechten Zahlen der Pott-Konzerne? Die Unternehmenslenker einiger der größten Konzerne selbst führten Gründe, wie den Mangel an Verkaufsläden, ein mangelndes Angebot an (hochwertigen) Cannabis-Pflanzen, den starken Schwarzmarkthandel und auch Unsicherheiten in Zusammenhang mit Expansionsplänen in Richtung Europa an. Aber natürlich auch die unklaren Regularien in den USA, bezüglich des Verkaufs von CBD-Produkten, hätten dazu geführt, dass viele Geschäfte die Produkte nicht verkaufen.

Finanzanalyst Clemens Schmale erklärt bei GodmodeTrader, dass Anleger die Erwartung von hohen Umsätzen viel zu früh einpreisten. "Der Sektor wurde zu dem bewertet, was vielleicht in 10 oder 20 Jahren einmal sein könnte." Schmale warnte bereits im Herbst 2018 davor, dass Cannabis-Papiere "irrational überbewertet" seien und sich "höchstwahrscheinlich in den letzten Zügen der Euphoriephase" befänden.

Kleiner Lichtblick für die Pott-Konzerne

Ein Unternehmen entwickelte sich gegen den Trend besser als erwartet: US-Marihuana-Produzent Curaleaf konnte im November mit seiner Zahlenvorlage positiv überraschen. Zwar schrieb das Unternehmen immer noch rote Zahlen, doch der Verlust war mit 6,8 Millionen US-Dollar deutlich geringer ausgefallen als befürchtet - im Vorjahr war es noch ein Minus von 33,9 Millionen US-Dollar. Und auch den Umsatz konnte der Konzern, zwar nicht ganz so stark wie von Experten erhofft, aber dennoch deutlich, steigern. Curaleaf-Papiere sind einige der wenigen, die im Verlauf des Jahres eine positive Entwicklung vorweisen können. Sie stehen 24,47 Prozent höher bei 5,90 US-Dollar (Stand: 6. Dezember 2019).

Des Weiteren gab es im November positive Nachrichten in Sachen Cannabis-Legalisierung in den USA: Das House Committee on the Judiciary hat einen Gesetzesantrag, mit dem Ziel der bundesweiten Entkriminalisierung von Cannabis, angenommen. Somit könnte sich endlich etwas an der unklaren Gesetzeslage in den Vereinigten Staaten ändern. Dafür muss der Antrag allerdings erst einmal weitere Hürden nehmen: Repräsentantenhaus und Senat müssen noch abstimmen.

Diese positiven Entwicklungen ließen nicht nur die Curaleaf-Aktien steigen, sondern verliehen auch anderen Anteilsscheinen aus dem Sektor Rückenwind.

Wie wird es 2020 weitergehen?

Weil Cannabis in den USA auf Bundeseben nach wie vor illegal ist, die einzelnen Staaten jedoch von diesem Recht abweichende Gesetze aufstellen können, herrscht in den USA ein Flickenteppich von Regulierungen. In einigen Staaten wurde Cannabis vollständig legalisiert. In manchen Staaten ist Cannabis nur für medizinische Zwecke zugelassen, in anderen entkriminalisiert und in manchen Staaten beides. Doch in einigen Staaten ist Cannabis nach wie vor illegal und während der Besitz von geringen Mengen in einigen Staaten nur als geringfügiges Vergehen geahndet wird, stehen in anderen Staaten dafür Haftstrafen.

Die weiteren Entwicklungen in der US-Legalisierungsfrage werden für die Zukunft des Cannabis-Markts entscheidend sein. Sollten auf Washington, Oregon, Nevada, Kalifornien, Colorado, Alaska, Michigan, Maine Vermont und Massachusetts noch weitere Staaten folgen, die den Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis legalisieren, könnte das die Branche wieder stützen, denn der Cannabis-Markt in den USA, ermittelten Barclays-Analysten im Frühjahr, wäre zu jenem Zeitpunkt, wäre die Legalisierung durchgesetzt worden, bereits 28 Milliarden US-Dollar wert gewesen - bis 2028 könnte er schon rund 41 Milliarden US-Dollar schwer sein. Jedenfalls stellen die USA, "mit einem Drittel der globalen Nachfrage", den größten Cannabis-Markt weltweit dar, wie boerse.ard.de-Analyst Garrett Nelson vom Marktanalyse-Institut CFRA zitiert.

Doch auch die Entwicklungen in Europa dürften für Cannabis-Unternehmen interessant bleiben. Hier sehen sie sich ebenso noch mit regulatorischen Hürden konfrontiert. Um ein paar Beispiele zu nennen: Während Cannabis in Deutschland seit 2017 für medizinische Zwecke genutzt werden darf, ist in Polen z.B. der Konsum erlaubt, der Besitz aber nicht. In den Niederlanden ist Cannabis, anders als viele denken, nicht legal, sondern wird nur toleriert, während man in Frankreich einen harten Kurs gegen die Droge fährt. Der Markt in der Europäischen Union wäre mit rund 500 Millionen Menschen zwar nicht so groß wie der US-Markt, aber trotzdem noch einmal eine andere Hausnummer als Kanada, mit seinen etwa 38 Millionen Einwohnern.

So lange die Märkte für die Pot-Konzerne, aufgrund der bestehenden Regulierungen, aber weiter so eingeschränkt bleiben und die Umsätze sich nicht dem exponentiellen Wachstum der Unternehmen entsprechend entwickeln können, sollten die Cannabis-Unternehmen wohl zuerst einmal versuchen, ihre Kosten einzugrenzen und auf lange Sicht profitabel zu werden. Investoren sollten damit rechnen, dass es noch dauern könnte, bis es einen Weltmarkt für Cannabis gibt.

Redaktion finanzen.at

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Bildquelle: Yellowj / Shutterstock.com,Lifestyle discover / Shutterstock.com,Oprea George / Shutterstock.com

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